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Klassische Reitliteratur – wieso?

„Alle Wissenschaften und Künste haben Grundsätze und Regeln, durch welche man Entdeckungen macht, die zu ihrer Vollkommenheit führen. Die Reitkunst nur allein scheint einer bloßen Übung zu bedürfen. Indessen ist eine von richtigen Grundsätzen entblößte Praxis eine bloße mechanische Ausübung, deren ganzer Nutzen in einer gezwungenen und ungewissen Ausführung besteht. Es ist ein falscher Glanz, der Halbkenner blendet, die öfters mehr durch die Zierlichkeit des Pferdes als durch Geschicklichkeit des Reiters überrascht werden. Daher kommt nun die ganze Anzahl gut abgerichteter Pferde, und die wenige Geschicklichkeit, die man gegenwärtig bei dem größten Teil wahrnimmt, die sich Reiter nennen. Dieser Mangel an Grundsätzen hat die traurige Folge, daß Anfänger in der Reitkunst nicht imstande sind, das Fehlerhafte von dem Vollkommenen zu unterscheiden. Sie haben kein anderes Hilfsmittel, als die Nachahmung, und unglücklicherweise ist es viel leichter, sich zu einer fehlerhaften Ausübung zu wenden, als eine gute zu erlangen.“
François Robichon de la Guérinière, „Reitkunst“,  Olms Documenta Hippologica 1994

Irgendwie kommt einem das doch auch in der heutigen Reitlandschaft bekannt vor, oder?

In meiner Kindheit war es mit ansprechender Reitliteratur ziemlich dürftig. Es gab „Frankhs Reiterbibliothek“, Taschenbücher mit schwarzer Bauchbinde, wenigen Bildern und leider ziemlich trocken geschrieben. Dann gab es natürlich schon damals die Klassiker, wie Gustav Steinbrechts „Gymnasium des Pferdes“ oder Waldemar Seunigs „Von der Koppel zur Kapriole“ – aber damit konnte ich mit zwölf Jahren und wenig älter selbstverständlich noch nichts anfangen. Das hatte mit dem ländlichen Reiten, was mich umgab, nichts zu tun.

Dennoch hegte ich hatte schon immer eine seltsame Liebe zur Dressur, geboren in den ganz raren Musikreitstunden meiner Reitschule der Kindheit. Nur die „Fortgeschrittenen“ wurden dazu zugelassen und ich durfte, soweit ich mich erinnere, ganze zweimal mitreiten und es war im Grunde furchtbar. Daheim schoss ich mit meinen Isländern durch den Wald, ohne Reitbahn, ohne Aufsicht und abgesehen von den Ferien, ohne Unterricht. Die Nachbarn hatten „Turnierpferde“ und was ich da sah, gefiel mir nicht.  Mit 16 durfte ich nach Spanien reisen und dort sah ich eine Reiterei, die mich tief berührte. Aber sonst, hm, ich wusste, dass ich etwas suchte, aber ich wusste nicht, was es war!

Dann, durch die Zeitschrift „Freizeit im Sattel“, und auch durch die Equitana wurde die deutsche Reitlandschaft unterwandert und in den 80er Jahren tauchten auch auf dem Buchmarkt die ersten völlig anders gearteten Bücher auf. Claus Penquitts „Freizeitreiter-Akadamie“ war für mich die erste Publikation die behauptete, Dressur könne man erlernen! Hört sich seltsam an? Heute ganz sicher. Damals war es aber so, dass man entweder aus einer Reiterfamilie kam, von Jugend an Talent, Geld und Ausbilder hatte – nur dann konnte man die höheren Weihen der Dressur erlangen. Oder man hatte das halt nicht. Als Kind oder Jugendlicher bolzte man dann auf dem Land mit einem Pony durch die Gegend, voltigierte im Verein oder ritt dort auf Schulpferden, wobei eine gelungene Reitstunde daran gemessen wurde, nicht heruntergefallen zu sein. Reitstunden, selbst auf Privatpferden, waren weniger dafür gedacht, wirklich was zu lernen, als zu einem festgesetzten Zeitpunkt pro Woche Vereinsleben zu betreiben. Ansonsten ging man im Sommer ausreiten und im Winter blieb man in der Bahn, so man eine hatte, wo man Zirkel und ganze Bahn mit mehr oder weniger Anstand ritt. Die guten ritten ihre Pferde „durchs Genick“!

Und dann gab es plötzlich ein Buch, in dem mit minutiös fotografierten Bildfolgen ERKLÄRT und GEZEIGT wurde, wie man exotische Lektionen wie Schulterherein, Travers, Renvers, Traversalen und dergleichen entwickeln konnte! Ja wie jetzt? Ich etwa auch? Versuch macht kluch und das Pony musste dafür herhalten. Wir übten auf Feldwegen und im Wald.

Kurz darauf bekam ich das Buch „Tänzer an leichter Hand“ von Richard Hinrichs in die Finger und bekam den Mund nicht mehr zu: DA war das, was ich suchte! Dieses unbestimmte Ding, was ich gar nicht definieren konnte.

In diesem Buch waren Klassiker der Reitliteratur erwähnt: François Robichon de la Guérinière. François Baucher. Die Heeresdienstvorschrift. Ich begann, nach diesen und ähnlichen Büchern zu suchen, und dankenswerterweise legte die Olms-Presse zu diesem Zeitpunkt sehr viele der alten Werke gerade wieder neu auf – wenn auch als reine Faksimile-Drucke und dadurch oft mühsam zu lesen. Es war mir egal. Berthold Schirg brachte sein unglaubliches Fleißwerk „Reitkunst im Spiegel ihrer Meister“ heraus, zweibändig und unerschwinglich teuer für eine Studentin. Ich sparte sie mir zusammen, Weihnachts- und Geburtstagsgeld, kaufte sie einzeln, da gemeinsam einfach nicht bezahlbar. Und hier fand ich sie alle: Die großen und auch weniger großen Namen der Reitliteratur von Xenophon (350 v. Christus) bis Gustav Steinbrecht und Waldemar Seunig im 20. Jahrhundert. Und ich las. Und las und las. Vieles verstand ich damals noch nicht. Manches verstehe ich bis heute nicht. Mein eigenes Reiten war einfach viel zu rudimentär, meine reiterliche Ausbildung zu schlecht. Ich suchte nach Unterricht. Der wurde zu diesem Zeitpunkt auch endlich langsam besser, wenn man sorgfältig genug danach suchte. Auch hier kam der Freizeit im Sattel und dem Testzentrum Reken eine entscheidende Rolle zu, denn dort vertrat man die Ansicht, dass der Reitschüler für sein Geld auch didaktisches Feingefühl erwarten dürfe – ein völlig neuer Ansatz in einer Reitlandschaft, die im Wesentlichen von gebrüllten Standardkorrekturen geprägt waren . Aber bis heute bedauere ich sehr, dass ich keine wirklich systematische Reitausbildung von Jugend an genossen habe. Ich habe mir alles zusammensuchen müssen, konnte mir bestenfalls, zwei oder drei Wochenendkurse pro Jahr leisten und in der übrigen Zeit mussten meine Pferde sicher viele stümperhafte Versuche von mir erdulden. Aber ich lernte. Und ich las. Und lernte. Während eines Volontariatsjahrs beim Olms-Verlag hatte ich sie endliche alle in Reichweite: Die Klassiker der Reitliteratur. In der Mittagspause saß ich im Keller des Verlags, wo das Archiv war und las.

Heute ist der Buchmarkt für Reitliteratur praktisch unüberschaubar geworden. Für Neulinge ist kaum zu entscheiden, wo er anfangen oder aufhören soll. Eine Menge „Methoden“ versprechen in ihren Publikationen den einfachsten, den einzigen, den heilbringendsten Weg. Vertieft man sich aber in die Klassiker wird man herausfinden: Es gibt nichts Neues unter der Sonne der Reiterei – auch nicht eben diese Heilsversprechen der einzig wahren Lehre. Alles war schon mal da. Sicher, die wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, warum Dinge funktionieren wie sie funktionieren, sind enorm angewachsen. Biomechanik, Lerntheorie, Natur des Pferdes, dies sind Themen, in denen erhebliche Fortschritte erzielt wurden. Noch keine Reitergeneration hatte derartig viele Möglichkeiten zur Fortbildung wie die heutige – aber vermutlich wurde auch noch keine derartig von der Überflutung verwirrt.

Wer bislang keine Lust hatte die Klassiker zu lesen, findet ja vielleicht demnächst in meinem Roman „Tödliche Reitkunst“ einen Anlass, es doch einmal zu versuchen.

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende!

 

Nachsatz: Ich stieß gerade auf eine sehr angenehme Aufbereitung einiger Klassiker : Barbara Welter-Böller, die eine Fachschule für Pferde- und Hundetherapie betreibt, brachte im Selbstverlag eine Reihe von Hörbüchern, gesprochen von Marion Wilimzig, heraus, in der in Zusammenfassung und  Zitaten einige klassische Reitmeister mit ihren Werken vorgestellt werden. Ideal für Leute wie mich, die aufgrund von Zeitmangel einen Großteil ihres Literaturkonsums im Auto absolvieren müssen. Schon gehört? Gustav Steinbrecht Das Gymnasium des Pferdes von Barbara Welter-Böller – Hörbuch-Download | Thalia

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