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Gründe und Hintergründe

17. Oktober 1737

„Warum hätte ich davon was sagen sollen? Der Lieutenant Géneràl hat einen schwarzen Leibdiener, ja. Das ist ziemlich allgemein bekannt. Dass in diese Geschichte VIELLEICHT ein Neger verwickelt ist, war uns ja bei meinem letzten Besuch hier nicht bekannt. Zudem, mit Verlaub, für wie wahrscheinlich hältst du das Ganze selbst?“
Catherine hatte sich mit Jean-Marc dieses Mal in einem Kaffeehaus unweit der Jesuitenkirche Saint-Paul-Saint-Louis getroffen. Der Ort ihrer heimlichen romantischen Treffen lag hier nur zwei Straßen um die Ecke und sie hatten dieses Kaffeehaus schon häufiger frequentiert.
Catherine antwortete untypischerweise nicht gleich, rührte stattdessen mit der Langsamkeit einer Sonnenuhr in ihrer gepfefferten Schokolade, die eine der Spezialitäten des Hauses darstellte.
„Catherine? Hallo, bist du überhaupt anwesend? Was ist los? Es ist nicht so leicht für mich, mir einfach frei zu nehmen, aber du hast es dringlich gemacht. Also, rede mit mir, ja?“
„Hugo weiß über uns Bescheid. Seit Jahren, sagt er“, eröffnete sie ihm aus heiterem Himmel. Jean-Marc glaubte im ersten Moment, sich verhört zu haben, dann erstarrte er. Jetzt endlich sah Catherine ihn auch an. „Er hat es mir gestern Nachmittag so ganz nebenbei gesagt. Kurz nachdem wir bei diesem Archambaud waren. Dann haben wir gestritten, er hat die Kutsche verlassen und er kam seitdem nicht nach Hause. Schickte eine Nachricht, er übernachte im Weinkontor. Dafür, dass er das jahrelang in stoischem Stillschweigen für sich bewahrt hat, erscheint mir das jetzt doch recht theatralisch, oder was meinst du? Ich meine, als Mann kannst du ihn vielleicht besser verstehen.“
Jean-Marc konnte noch nicht antworten. Mit der Schnelligkeit eines riesigen Schwarms Stare wechselten die Ausdrücke in seinem Gesicht. Dann konzentrierte sich alles in einer einzigen Frage: „Und was bedeutet das jetzt für uns?“
Hart stellte Catherine die Tasse auf den Tisch. „Er wird dich natürlich zum Duell fordern, einer von euch beiden stirbt und der andere muss danach aus der Stadt fliehen, was all meine Probleme mit einem Schlag lösen würde!“, sagte sie todernst. Es dauerte ein, zwei Herzschläge, bis Jean-Marc die zynische Note heraushörte und begriff, dass sie ihn nasführte. „Ha, ha“, machte er trocken.
„Ja, ‚ha, ha‘. Ist schon lustig, dass du als Erstes darüber nachdenkst, ob wir dann in Zukunft noch Sex miteinander haben können. Ihr Männer seid letztlich doch alle gleich!“ Sie konnte sehen, dass sie Jean-Marc damit hart traf – und nun ja, sie hatte genau das ja auch beabsichtigt. ‚Ich weiß es schon seit Jahren‘! Seit Hugo das gestern gesagt hatte, brodelte ein heißer Ärger in ihr und fand einfach kein Ventil. Das Kindermädchen hinauszuwerfen war kein bisschen ein adäquater Ersatz gewesen, und obwohl es ihr in den Fingern gejuckt hatte, hatte sie es nicht über sich bringen können, eines der schweren Kristallgläser an die Wand zu werfen, als sie sich so richtig deftig hatte betrinken wollen. Es hatte ihr nicht geschmeckt und ihre Wand zu ruinieren kam auch nicht in Frage. Und anstatt sich jetzt komplizenhaft mit ihr zusammen über Hugo aufzuregen, mauzte Jean-Marc nur über seine eigenen Belange. Das war doch zum Heulen!
„Warum fragst du nicht, was es für MICH bedeutet? Ich habe zwei Kinder. Hugo könnte mich wegen Unzucht anklagen. Du als Polizist solltest doch wissen, was das für eine Frau bedeutet!“, sagte sie scharf. „Hingegen ihr Männer doch immer fein rauskommt. Gesetze von Männern für Männer.“ Jean-Marc blinzelte.
„Das würde er niemals tun! Außerdem passiert das andauernd. In deinen Kreisen geht doch praktisch jeder dauernd mit jedem fremd. Gerade bei euren Salons…“
„WAS?“, zischte Catherine und jetzt war keine Ironie mehr in ihrer Stimme und die Knöchel ihrer Hände traten weiß hervor, als sie ihre Handschuhe, die sie im Kaffeehaus ausgezogen hatte, zerknüllte. „WAS ist in unseren Salons?“
„Jeder weiß, dass es dort gelegentlich sehr freizügig zugeht. Gastgeberinnen und männliche Gäste…“ Er schaffte es wieder nicht, den Satz zu Ende zu bringen.
„Das weiß also JEDER! Und wer ist jeder? Und woher will das JEDER wissen?“
„Aber das ist doch ein Grund, warum die Salons einigen Leuten, wie zum Beispiel Malpart, solch ein Dorn im Auge sind!“, schaffte Jean-Marc nun endlich, einmal fertig zu reden.
„Ist das so? Und dir vielleicht auch? Vielleicht der ganzen ehrenwerten Polizei von Paris bis hinauf zu Hérault de Vaucresson, dem hochwohlnoblen Lieutenant Géneràl?“ Catherine wusste selbst nicht so recht, warum sie das so wütend machte. Natürlich kannte sie diese Ansichten. Wie sollten Zentren der Bildung und Kultur, die von FRAUEN initiiert wurden, NICHT den Argwohn beschränkter Männer wecken?
„Jetzt ist es aber genug! Zum Kuckuck, du benimmst dich wie eine Katze, der jemand auf den Schwanz getreten ist. Du bist diejenige, die Hugo und mich seit 7 Jahren durch den Reifen springen lässt. Du bist diejenige, die sich alle Freiheiten nimmt und erwartet, dass wir einfach mitmachen. Du bist diejenige, die immer mit allem fein raus ist, die sich nie festlegen kann, will oder muss, sondern einfach immer genau das tut, wonach ihr beliebt. Also was genau ist jetzt eigentlich das Problem?“
An den Tischen um sie herum wurde es still. Das Schweigen war typisch für Paris: Nicht schockiert, oder pikiert, sondern interessiert und amüsiert.
„Ja nun, wo ist denn das Problem?“, lachte ein junger Beau in einem schreiend gelb-rosa geblümten Justaucorps, der mit seinen ebenso aufgeputzten Freunden einen Tisch weiter saß.
„Das Problem ist, dass Ihr Eure Nase in Angelegenheiten steckt, die Euch nichts angehen, Monsieur, und dass dies Eurer Nase vielleicht nicht gut bekommt!“, erwiderte Catherine und musterte den Beau dabei derartig frostig, dass sein Kaffee vermutlich schlagartig erkaltete. Seine Freunde johlten anerkennend.
„Wir gehen! Ich warte draußen auf dich. Wir haben noch Angelegenheiten zu besprechen, die wichtiger sind!“, erklärte sie Jean-Marc, plötzlich wieder gefasst. Eigentümlicherweise hatte dessen Angriff ihre Wut mit einem Schlag verrauchen lassen. Kein Gemauze mehr, sehr gut!
Der einzige echte Streit, den sie und Jean-Marc vor Jahren gehabt hatten war entstanden, als sie die Rechnung in eben diesem Kaffeehaus hatte begleichen wollen. „Ich habe doch viel mehr Geld als du, also stell dich doch nicht so an!“, hatte sie augenrollend gesagt.
„Ich bin nicht deine Hure. Du bezahlst mich nicht und du bezahlst keine Rechnung, wenn wir gemeinsam im Kaffeehaus sind!“, hatte er kalt erwidert. Darum stand sie jetzt auch einfach auf und ging hinaus.
Draußen zog sie ihre Mantelet enger um sich. Sacre bleu, war das in den letzten Stunden kalt geworden! Wo war nur Annette? Sie fror immer so schnell. War sie an einem warmen Ort? Oder längst tot? Mit einem Mal war auch der letzte Rest Wut in ihr verraucht. Jean-Marc hatte schon Recht: Wo war eigentlich ihr Problem? Hugo hatte ihr gesagt, dass er Bescheid wusste. Das war alles gewesen. Keine Szene, keine Vorwürfe, kein Gejammer – einfach eine Information, ganz Hugo. Aber warum hatte er es ihr ausgerechnet jetzt gesagt? Ausgerechnet jetzt, wo sie einen klaren Kopf für diesen verflixten Mord in ihrem Haus und das Verschwinden einer ihrer besten Freundinnen haben musste? Es war so unpassend!
Jean-Marc trat auf die Straße, streifte sich methodisch seine Handschuhe über und ging dann langsam auf sie zu. Er sah heutzutage weit besser aus als damals, als sie ihn zum ersten Mal überredet hatte, das Bett mit ihr zu teilen. Nun ja, überredet – er hatte es glühend gewollt, hätte sich allerdings niemals getraut. Dürr und stelzbeinig wie ein gerupfter Reiher war er damals gewesen und seine Kleidung gerade noch so anständig zu nennen. Er hatte in den letzten Jahren Fleisch und Muskeln angesetzt, sein Gesicht war markanter geworden. Nur die januarblauen Augen, die hatten sich nicht verändert und mit denen sah er sie jetzt forschend an. „Wohin darf ich Euch geleiten, Madame du Foix“, fragte er förmlich.
„Nach Hause, wenn es beliebt“, sagte sie zerstreut. „Was war das mit Malpart? Du sagtest, die Salons seien ihm ein Dorn im Auge.“
„Inspecteur Malpart hat die ihm unterstellten Comissaires angewiesen, die Salons seins Viertels, sowie, ich zitiere: alle anderen Zusammenkünfte zweifelhafter Moral, die unter dem Deckmantel von Literatur und Kunst die ziemlichen Sitten eines katholischen Paris unterwandern genauestens im Auge zu behalten. Allerdings wissen wir auch erst seit heute davon“, berichtete Jean-Marc präzise.
„Dieses Frettchen! Schleicht sich hintenherum in meinen Salon ein und das nur, weil er mich bespitzeln will! Tja, da dürfte er ja sehr enttäuscht gewesen sein: Keine lose Moral, dafür ein schnöder Mord. Na großartig!“, rief Catherine aus. „Wie kommt er nur dazu? Hat er sonst nichts zu tun?“
„Oh, er hat eine Menge zu tun. Malpart ist ein ehrgeiziger Mann. Er möchte nichts Geringeres, als Hérault de Vaucressons Nachfolger werden! Doch da er nicht aus der entsprechenden Familie stammt, seine Beziehungen bislang nicht in die höchsten Kreise reichen und seine finanziellen Mittel wohl auch nicht ausreichen, sie sich zu kaufen, muss er etwas finden, womit er sich profilieren kann. Bei allen kirchlichen Würdenträgern wird er mit diesem Programm sicher offene Türen eintreten. Der Lieutenant Géneràl ist weniger begeistert, wie es scheint. Er hat uns auf Malpart angesetzt und Michel durch die Blume zu verstehen gegeben, dass es ihm Recht wäre, könnten wir Malpart in Sachen Salon-Mord irgendeinen groben Fehler nachweisen. Da Malpart alles daran setzt, die Sache Annette in die Schuhe zu schieben, wäre für uns alles hilfreich, was das Gegenteil beweist. Womit wir dann bei Elians Aussage mit dem Mohren im Rosenbeet wären“, fasste Jean-Marc auf seine gewohnt genaue Art zusammen. Catherine hielt im Gehen einen Moment inne.
„Das entbehrt nun wirklich nicht einer gewissen Komik: Aus einem kleinen, unbedeutenden Salon, dessen Hauptattraktion die Lesung einer drittklassigen Romanzenschreiberin werden sollte, wird nicht nur ein Mordschauplatz, sondern nun sogar ein hoch brisantes Politikum. Wenn das meinen Salon mal nicht mit einem Schlag zu einem der gefragtesten von Paris werden lässt! Weißt du eigentlich, wie viele, natürlich ganz unverbindliche Billets ich seither täglich bekomme, die mich um eine Einladung zu meinem nächsten Salon bitten? Die Pariser haben wirklich einen Hang zum Morbiden!“
„Ja, das war schon immer so“, bestätigte Jean-Marc trocken. „Aber auch wenn du mir erneut an die Kehle gehst: Wie geht es jetzt weiter?“
„Du bist doch der Spezialist für Morde. Sag du es mir? Laut Archambaud gibt es gar nicht viele schwarze Menschen in Paris. Da müsste sich doch einer finden lassen, der in Frage kommt.“ Catherine wusste genau, dass Jean-Marc ihre Beziehung gemeint hatte, zog es aber vor, nicht darauf einzugehen. Im Grunde, so fand sie, musste sich doch gar nichts ändern. Hugo wusste es, in Ordnung, fein, na und? Jean-Marc biss die Kiefer aufeinander. Erst ließ sie ihn antanzen und eine Bombe platzen, dann wollte sie nicht drüber reden. Schön, typisch Catherine im Grunde. Oh er sollte sich wirklich endlich aus dieser Beziehung lösen. Sie führte doch ohnehin zu nichts. Er war jetzt 26. Zeit, sich nach einem Mädchen umzusehen, dass er irgendwann mal heiraten konnte, oder?
„Ich werde das Ganze mit Michel besprechen. Es ist schon eine merkwürdige Ansammlung von Zufällen, dass Malpart die Salons aufs Korn nimmt, Hérault de Vaucresson wiederum Malpart auf der Abschussliste hat und bei der ganzen Sache dann ein Mohr auftaucht, ganz so, wie der Lieutenant Géneràl einen hat. Allerdings sehe ich noch keinerlei Verbindung zu dem ermordeten Mädchen. Wir waren ja bei ihren Eltern. Das war mal ein höchst unerfreulicher Besuch!“ Jean-Marc zog eine Grimasse. Inzwischen hatten sie die schmalen Gassen des Marais verlassen und die breite Rue Saint Antoine erreicht. Hier pfiff der Wind nun gnadenlos und es machte keinen Spaß, das Gespräch fortzusetzen. Es war nicht mehr weit zu Catherines Haus.
„Wir müssen in Ruhe über alle vorhandenen Mosaiksteinchen nachdenken, soweit wir sie bislang haben. Irgendwie muss alles zusammenhängen aber bislang haben wir noch zu viele lose Fäden“, meinte Jean-Marc, während er sich leicht vor Catherine schob, um sie ein wenig vor dem Wind zu schützen.
„Was ist mit Aurelies Eltern? Du sagst, es war ein unerfreulicher Besuch?“, fragte Catherine und zog die Schultern hoch, um ihren Hals im Kragen des Mantelet zu bergen. Jean-Marc nickte grimmig.
„Unerfreulich und kurz. Aurelies Vater hat sich höchst unversöhnlich gezeigt, wohingegen die Mutter aussah, als habe sie die letzten 24 Stunden ohne Pause geweint. Sie kam aber nicht zu Wort. Der Vater wiederholte immer nur stur, dass ein gefallenes Mädchen immer bekäme, was es verdiene. Er hat uns förmlich hinauswerfen lassen, als Michel weiterfragen wollte“, berichtete Jean-Marc. Es waren jetzt nur noch wenige Meter bis zum Haus der du Foix. Jean-Marc blieb stehen.
„ich würde es vorziehen, nicht mit hinein zu kommen“, sagte er steif. Catherine stieß einen Laut aus, der zwischen Belustigung und Hohn lag.
„Hast du Angst, Hugo könnte dich wirklich fordern?“, spöttelte sie.
„Das nicht gerade, aber es erscheint mir dennoch unpassend, ihm jetzt in seinem Haus über den Weg zu laufen“, gab Jean-Marc zu. Catherine nickte.
„Da hast du vermutlich Recht. Wenn er überhaupt mittlerweile zuhause ist. Aber die Sache mit dem ‚in Ruhe nachdenken‘ ist falsch. Wir haben keine Zeit. Annette ist nun seit drei Tagen verschwunden. Wenn sie noch lebt, könnte ihre Uhr ablaufen. Es ist furchtbar kalt und wer weiß, wo sie ist. Wie bleiben wir in Kontakt?“
„Ich muss mit Michel über den Mohren reden und sehen, was er über den Leibdiener des Lieutenant Géneràl weiß. Es wird schwierig werden, an den heran zu kommen und heikel, Herault de Vaucresson direkt damit zu konfrontieren. Hm, ich hasse diese Fälle, die sich als politisch erweisen.“
„Wenn das denn so ist. Ich bin noch nicht überzeugt“, meinte Catherine. „Was ist eigentlich unterdessen mit diesem Verlobten? Dieser Lagrange? Habt ihr den inzwischen mal gesprochen?“
„Michel war zweimal bei ihm, hat ihn aber nicht angetroffen. Er war im Dienst und unabkömmlich, so die Aussage sowohl in seiner Wohnung als auch bei der Stadtwache. Aber du hast Recht: Den müssen wir uns nun endlich vorknöpfen!

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