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Geständnisse

 16. Oktober

Bis Jean-Marc und Eustache jeweils in ihre Betten kamen, graute bereits der Morgen. Während man den du Foixs die Kutsche geholt und sie mitsamt der Entführten und einem rätselhaften Gassenkind nach Hause entlassen hatte, hatte Eustache Herault de Vaucressons Leuten zeigen müssen, wo der tote Mohr lag. Und Jean-Marc musste den Lieutenant Général höchstpersönlich zu Madame de Tourvilles Ort des Martyriums führen. Die Ketten, Kratzspuren und aufgewühlter Dreck am Boden, Einschusslöcher, eine zerbrochene Laterne und natürlich der tote Baron – all dies erzählte höchst beredt von dem, was sich hier zugetragen hatte. Herault de Vaucresson bückte sich unvermittelt und hob einen Fetzen Papier auf, der zwar jüngst sehr gelitten hatte, aber immer noch einwandfrei lesbar war.
„Nun, das ist äußerst aufschlussreich, würde ich meinen“, sagte der Lieutenant Général und zeigte das Schriftstück seinem Commissaire. Er nannte ihn im Stillen immer „seinen“ Commissaire, weil er ihn vor 8 Jahren höchstpersönlich auf direktem Wege von einer dumpfen Schreibstube in die Sonderkommission befördert hatte. Der Junge war ihm damals buchstäblich vor die Füße gefallen. Welch glücklicher Zufall!
„Ihr habt scharfe Augen, Monsieur Lieutenant Général“, zollte Jean-Marc seinem wichtigsten Vorgesetzten Anerkennung. „Ich habe das übersehen. Jetzt verstehe ich erst, warum man Madame de Tourville überhaupt am Leben ließ. Der Baron gedachte, noch ein Geschäft mit dem Tod seiner ungehorsamen Tochter zu machen, wie es scheint.“
„In der Tat. Madame de Tourville wird hoffentlich noch bei einigen Details Klarheit schaffen, wenn sie erst wieder hergestellt ist. Für den Moment habe ich genug gesehen. Verlassen wir diesen trostlosen Ort, auch wenn diese Gänge durchaus interessant sind! Man sollte sie unbedingt einem nützlichen Zweck zuführen. Ich werde das bei Gelegenheit dem König vortragen.“
Als Jean-Marcs Kopf das Kissen berührte, schlugen die Kirchenglocken von Paris irgendeine Morgenstunde – aber er schlief schon, ehe er zählen konnte, wie viele es waren.
Es verwirrte ihn, sie immer noch schlagen zu hören, als er wieder aufwachte. Hatte er überhaupt geschlafen? Das Licht erschien ihm genauso schwach und diffus wie zuvor. Vielleicht war er, bei aller Erschöpfung, doch zu aufgewühlt, um zu schlafen?
Es dauerte eine ganze Weile bis er wach genug war um festzustellen, dass es inzwischen wieder auf den Abend zuging und er sehr wohl geschlafen hatte. Genau genommen wie ein Stein, und selbst das stets lärmende Paris hatte ihn nicht dabei stören können. Er setzte sich im Bett auf und überlegte, ob er jetzt in hektische Aktivität ausbrechen sollte, weil er unzweifelhaft eine Menge verpasst hatte. Hatte man Malpart bereits verhört? Wie ging es Madame de Tourville? Wie hatte Catherine diese Nacht überstanden? Welche Konsequenzen ergaben sich aus dem Versuch des Barons, das Erbe der Tourville zu erpressen? War Eustache in Ordnung?
Dieser letzte Gedanke war es, der Jean-Marc schließlich auf die Füße trieb. Sein Freund hatte einiges abbekommen in der vergangenen Nacht. Manchmal erwies sich ein Sturz oder ein heftiger Schlag auf den Kopf im Nachhinein als viel gefährlicher als es zuerst den Anschein gehabt hatte. Eustache wohnte in einer Art Pension. Genau genommen handelte es sich um eine Witwe, die jede Besenkammer ihrer ererbten Wohnung vermietet hatte, um daraus ihr Auskommen zu bestreiten. Sie war aber, wie Jean-Marc wusste, nicht der mütterliche Typ, der sich um seine Pensionsgäste kümmerte. Wenn der Mietzins auch nur eine halbe Stunde zu spät kam, stand sie sofort auf der Matte. Aber ‚wenn du tot auf ihrem Flur lägest, würde sie dich einzig aufgrund des daraus entstehenden Ungemachs auszanken und dich vermutlich mit dem Besen hinaus auf die Gasse kehren‘, hatte Eustache einmal erzählt als er sehr knapp bei Kasse gewesen war und sich von Jean-Marc ein Livre geborgt hatte, um besagten Mietzins pünktlich zu bezahlen.
Also machte Jean-Marc sich auf den Weg zu jenem Gassengewirr, das um die Eglise Saint Eustache wand wie eine Katze um die Füße einer alten Frau.
lag. Nein, es war kein Zufall, dass sein Freund ausgerechnet dort Quartier genommen hatte. ‚Wo könnte ich besser aufgehoben sein als im Schatten der Kirche meines Namenspatrons‘, hatte Eustache sehr ernsthaft versichert. Im Gegensatz zu Jean-Marc war Eustache ein gläubiger und religiöser Mensch und litt förmlich Qualen, wenn seine Arbeit ihm einmal nicht erlaubte, Gottesdienst und Beichte zu besuchen. Jean-Marc verspürte leichte Gewissensbisse bei diesem Gedanken. Wann war er zuletzt zur Beichte gegangen? Allein in der vergangenen Nacht war da so einiges zusammengekommen – Fluchen und unreine Gedanken, vor allem – was wohl einer Beichte wert wäre. Nun, nicht jetzt! Erst ein starker Kaffee, eine heiße Pastete und dann ein Besuch bei Eustache. Wie gut, dass man in Paris praktisch zu jeder Tageszeit alles bekam, was das Herz begehrte, sofern man einige Sous in der Tasche hatte. Oh, ob das Gassenkind wohl noch bei Catherine war? Hoffentlich entwickelte sie keine Anwandlungen, es aufnehmen zu wollen! Derlei lohnte sich nicht – diese Geschöpfe der Straße waren selten dankbar.
Nach dem Besuch bei Eustache würde Jean-Marc entscheiden, ob er noch heute zur Präfektur ging, um herauszufinden, wie der Fall stand – Michel Michaud war sicher noch dort, wie er seinen älteren Kollegen kannte – oder ob er erst morgen wieder dort auftauchen wollte. Seine Neugierde hielt sich mit einem gewissen Trotz, dass er sich wohl einen freien Tag verdient hätte, die Waage.
Er fand Eustache in seiner Pension vor und es ging ihm tatsächlich nicht allzu gut. Sein verletzter Arm war dick geschwollen und seine Augen wirkten fiebrig.
„Du brauchst einen Arzt, Mann!“, sagte Jean-Marc, ignorierte den Protest seines Freundes und ging schnurstracks, um einen zu holen. Er musste ziemlich weit laufen, denn er wollte nicht irgendeinen der zahllosen Quacksalber, die in der Stadt an jeder Ecke zu finden waren, sondern er wollte einen ganz bestimmten, einen spanischen Juden, mit dem er selbst bereits die besten Erfahrungen gemacht hatte. Natürlich war der nicht billig – aber Jean-Marc hoffte, dass er die Rechnung vielleicht später diskret Herault de Vaucressons Sekretär unterschieben konnte.
Der Arzt kam, erkannte einen verschobenen Bruch, der die Körpersäfte ins Ungleichgewicht setzte, richtete den Arm ein, hinterließ einen Fiebertrank und machte mit Nachdruck darauf aufmerksam, dass es nun auf gute Pflege ankam. „Die kommende Nacht ist die kritische. Geht es ihm morgen früh besser und das Fieber ist gesunken, überlebt er“, mahnte der Arzt in seinem rollenden Französisch. Also ging Jean-Marc nirgendwo mehr hin, sondern verbrachte eine weitere Nacht ohne Schlaf, wenn auch dieses Mal immerhin im Trockenen und bei Kerzenschein. Gegen Morgen schlief er dann wohl doch ein und fuhr erschrocken hoch, als lautes Geschirrklappern ihn unsanft weckte. Panisch sah er nach Eustache. Doch, dem Himmel sei Dank: Der schlief friedlich und ganz offenbar war das Fieber gesunken und er befand sich auf dem Weg der Besserung. Aber so kam es, dass Jean-Marc sich erst am Nachmittag wieder in der Präfektur blicken ließ, als er ganz sicher war, dass Eustache über den Berg und mit allem versorgt war, was er zu seiner weiteren Genesung brauchte. Letzteres hatte Jean-Marc durch ein Handgeld, begleitet mit einer kaum verhohlenen Drohung an die Zimmerwirtin sichergestellt.

„Kommst du auch noch mal?“, begrüßte ihn Michel Michaud, als Jean-Marc die Räumlichkeiten der Sonderkommission betrat. „Und wo ist Eustache?“
Jean-Marc erklärte die Situation, was Michel sofort milder stimmte.
„Wir müssen dringend zur Rue Saint Antoine und Madame de Tourville befragen. Ohne ihre Aussage ist die Sache nicht komplett.“
„Wo ist Malpart? Wurde er bereits verhört?“
„Malpart ist im Chãtelet, und nein, er wurde noch nicht verhört. Man hielt es für das Beste, ihn eine Weile schmoren zu lassen.“
„In welchem Stockwerk?“, erkundigte sich Jean-Marc spöttisch.
„Ich weiß es nicht. Es waren Herault de Vaucressons Männer, die das alles erledigt haben. Nachdem sich der Lieutenant Général höchstpersönlich zum Ort des Geschehens begeben hatte, blieb mir nur noch der Papierkram übrig.“ Jean-Marc musterte seinen Kollegen scharf.
„Bist du sauer?“, erkundigte er sich.
„Steht mir wohl nicht zu. Schließlich hatten wir uns die Arbeit aufgeteilt. Sieht halt aus, als hätte ich den kürzeren Strohhalm gezogen, so im Nachhinein betrachtet. Dafür hatte ich eine trockene Nacht in meinem Bett. Es gleicht sich alles wieder aus, scheint es“, erwiderte Michel mit der ihm eigenen Gelassenheit. Aber Jean-Marc kannte ihn nun schon zu lange, um sich täuschen zu lassen.
„Du bist trotzdem sauer, dass du nicht dabei warst“, stellte er fest. „Aber es blieb wirklich keine Zeit, dich zu informieren, sofern man keinen Flaschengeist zur Hand hatte.“ Das entlockte Michel ein kurzes Lachen.
„Ich werde eine Eingabe machen, dass wir ein paar Wunderlampen bewilligt bekommen.“
„Sollen wir uns gleich auf den Weg zu den du Foixs machen?“, fragte Jean-Marc, um das Thema zu wechseln.
„Ja, wenn du meinst, dass Madame de Tourville bereits wieder bereit sein könnte, Besuch zu empfangen? In welchem Zustand genau war sie, als ihr sie fandet?“
„Ziemlich schwach, aber nicht an der Schwelle des Todes. Neben ihr rann Wasser von der Wand, das sie trinken konnte und sie wurde offenbar nicht weiter misshandelt. Ich denke, sie könnte bereits wieder in der Lage sein, uns zu empfangen.“

Das Wetter zeigte sich bedeutend freundlicher als in der fraglichen Nacht und die verschleierte Sonne zauberte einen matten Glanz auf die Seine, als sie die Pont Neuf überquerten. Allerdings war es kalt geworden, was die üblichen Gerüche der Stadt zu Boden zwang und man fast den Eindruck frischer Luft bekam.
„Riecht nach einem frühen Winter“, meinte Michel. Jean-Marc brummte nur. Seit er sich genügend Brennholz oder gar Kohlen leisten konnte, war ihm der Winter egal. Paris hatte für ihn immer gute Seiten, ganz gleich zu welcher Jahreszeit. Natürlich war die Stadt eine gemeine alte Hure – aber Jean-Marc konnte sich nicht vorstellen, wie man irgendwo anders auf der Welt leben konnte oder wollte. Michel, mit dem er das Thema schon ein ums andere Mal erörtert hatte, meinte dazu nur lakonisch, es läge daran, dass Jean-Marc noch nie verlassen habe und somit den Rest der Welt nicht kenne. „Wozu sollte ich auch, wenn ich doch am besten Ort der Welt lebe?“, hatte Jean-Marc dagegen gesetzt. Michel hatte nur wissend gegrinst, war aber nicht der Typ, der diskutierte, wo es ohnehin vergebene Liebesmüh war.
Kurz bevor sie die Rue Saint Antoine erreichten, fiel Jean-Marc etwas ein.
„Was ist eigentlich mit Legrange geschehen? Den habe ich ja komplett vergessen!“
„Hast du nicht. Du musst dem Lieutenant Général dazu Mitteilung gemacht haben, denn er schickte jemanden, ihn in seiner Wohnung abzuholen, wo du ihn ja wohl angekettet hattest.“ Michel warf seinem Kollegen einen fragenden Seitenblick zu und der nickte.
„Ich hatte wahrlich keine Zeit, mich um ihn zu kümmern. Wo ist er jetzt?“
„In einer Zelle der Prefectur. Ihn haben wir bereits verhört und er war vollumfänglich geständig. Er muss dir ja in der fraglichen Nacht schon einiges erzählt haben, oder?“
„Wir hatten nicht viel Zeit.“ Jean-Marc seufzte bei der Erinnerung an seinen kurzen Aufenthalt bei Legrange. Der einzige Moment des Abends, wo es warm und trocken gewesen war. „Was hat er sonst noch erzählt?“
Michel brachte seinen Kollegen in kurzen Worten auf den aktuellen Stand. Dann meinte er jedoch: „Ich glaube nicht, dass wir zusätzliche Geständnisse brauchen. Malpart wird hängen oder schlimmeres, so viel ist sicher. Herault de Vaucresson will es so, da bin ich mir ziemlich sicher.“
Dazu gab es nichts weiter zu sagen. Wenn der Lieutenant Général de Police von Paris einen am Galgen sehen wollte, machte man sich besser bereit, seinem Schöpfer gegenüber zu treten. Jean-Marc konnte kein Mitleid für einen Mann aufbringen, der Eustache in einen Brunnenschacht geworfen hatte.
Sie errichten die Hausnummer Sechs. Jean-Marc verhielt unwillkürlich seinen Schritt. Zuletzt hatte er sich mit Catherine gestritten und außerdem musste er davon ausgehen, dass Hugo, der ja nun Bescheid wusste, ihn nicht freundlich empfangen würde. Verdammter Mist!
Aber da Michel diese Hintergründe nicht kannte, stieg er einfach die wenigen Stufen hinauf und betätige die Türglocke. Es blieb Jean-Marc gar nichts anderes übrig, als ihm zu folgen, wollte er nicht wie ein Idiot auf der Straße stehen bleiben.
„Ich informiere die Herrschaften“, teilte ihnen der Hausdiener, von dem Jean-Marc wusste, dass er Thomas hieß, in jener unverwechselbar hochnäsigen Höflichkeit mit, die Ersten Dienern in ganz Paris zu eigen war. Er ließ sie im Entrée stehen. Gesellschaftlich erreichten Commissaires de Police gerade mal eine Stellung, die es ihnen erlaubte den Haupteingang zu benutzen, aber sie konnten nicht erwarten, im Salon warten zu dürfen.
Sie mussten nicht lange warten, bis Catherine die Treppe herabkam. Jean-Marc blickte ihr erheblich unverblümter entgegen, als das normalerweise angebracht gewesen wäre. Er forschte in ihrem Gesicht nach einem Hinweis, wie sie nun zueinander standen. Aber Catherine ließ nichts erkennen. Sie trug ein veilchenblaues Tageskleid aus einem hochwertigen Woll-Seidengemisch, wie die Damen es zum Winter hin in dieser Saison trugen, solange es sich nicht um Ball- oder Hofgarderobe handelte. Fast mit Bitterkeit stellte Jean-Marc fest, dass es zu neu war, als dass er es schon an ihr gesehen hatte und ihr zudem hervorragend stand. Er fragte sich, wie schwer die Schnüre und Miederhaken wohl zu öffnen wären, rief sich dann aber sofort zur Ordnung.
„Madame du Foix“, sagte Michel neben ihm, und vollzog die kleine Verbeugung, die angemessen war. Jean-Marc tat es ihm mit kleiner Verspätung nach.
„Die Messieurs Commissaires. Wir haben mit Eurem Erscheinen gerechnet. Welche Neuigkeiten könnt Ihr uns über den scheußlichen Entführer meiner lieben Freundin Madame de Tourville berichten?“ Catherine blieb auf der untersten Stufe, stehen und blickte somit in gleich mehrerlei Beziehung auf die Besucher herab. Da sie für eine Frau groß war, hätte sie das nicht nötig gehabt, aber Catherine hatte in den acht Jahren in Paris eine Menge über Stellung und kleine Gesten gelernt.
„Lucien Malpart befindet sich im Chatelet in Haft, bis wir alle Details kennen und ihm der Prozess gemacht wird“, erklärte Michel glatt. „Wir sind gekommen, um in einige dieser Details weitere Klarheit zu bringen. Dafür möchten wir höflichst darum bitten, mit Madame de Tourville sprechen zu dürfen, sofern ihr Gesundheitszustand dies schon wieder zulässt. Es wäre allerdings von einiger Wichtigkeit, einen genauen Bericht über die Abläufe aus ihrer Sicht der Dinge zu erhalten“, erklärte Michel mit jener Art höflicher Autorität, mit der er den Adel stets dazu brachte, ihm zu sagen, was er wünschte. Ganz kurz streiften Catherines Augen jetzt Jean-Marcs, aber sie gaben nichts preis.
„Ich werde Madame de Tourville fragen, ob sie dazu bereit ist. Bitte geduldet Euch noch einen Augenblick, Messieurs“, sagte sie dann, wobei sie sich trotz der Plural-Anrede nur an Michel wandte. Jean-Marc biss leicht die Zähne zusammen. Wenn er sie nur allein sprechen könnte!
Sie warteten erneut eine Viertelstunde und draußen verschwand die blasse Oktobersonne und die bis dahin leuchtenden Buntglasfenster neben der Haustür erloschen jäh. Jean-Marc, dem immer noch einige Körperteile von den Auseinandersetzungen in den Carriers wehtaten, hätte sich sehr gern gesetzt. Aber niemand kam und bot ihnen einen Platz an. Also standen sie.
Endlich hörten sie Türenklappen und Schritte im oberen Stockwerk. Hoffnungsvoll spähte Jean-Marc hinauf. Und tatsächlich kamen sie da: Zuerst Catherine, die vorausschritt, um Türen zu öffnen und das Rote Meer zu teilen. Dann Hugo du Foix, der eine vollständig angekleidete, frisierte, dezent geschminkte und zumindest äußerlich wieder gänzlich gesellschaftsfähige Madame de Tourville am Arm untergefasst hatte, damit er ihr auf der Treppe die nötige Unterstützung bieten konnte, falls erforderlich.
„Es wird das Beste sein, wir setzen uns in den Salon“, verkündete Catherine, woraufhin Thomas wie aus dem Nichts erschien, die Tür weit öffnete und so den ganzen Zug ungehindert hindurchlassen konnte. Erst nach den du Foixs und Madame de Tourville schlossen sich die Commissaires an.
Zu Jean-Marcs Bedauern wurde kein Kaffee serviert, sondern ein recht süßlicher, leicht gewürzter und bedauerlicherweise verdünnter Rotwein, der nach seinem Dafürhalten nicht das Niveau erreichte, das er bei einem Weinhändler erwartet hätte. Dazu wurden kleine Würstchen in einem Teigmantel serviert, von denen Jean-Marc am liebsten zwanzig Stück in sich hineingestopft hätte, was aber natürlich der Anstand verbat. Eines war höflich, zwei akzeptabel, aber darüber hinaus zeigten sie schlechte Manieren an. Oh Catherine wusste genau, wie gern er diese Würstchen aß!
„Madame de Tourville, ich bin wirklich erfreut, Euch bereits wieder so wohl zu sehen!“, begann er das Gespräch, um sich abzulenken. Da er in den Carriers dabei gewesen und Madame de Tourville damit persönlich bekannt war, sollte er das Gespräch im Wesentlichen führen. So hatten sie es während der Wartezeit im Entrée verabredet.
„Catherine und Hugo verwöhnen mich von früh bis spät. Wirklich, ich sollte mir Zeit lassen mit dem Gesunden, damit ich dieses faule Dasein noch eine Weile genießen kann. Allerdings muss ich dann bald aufpassen, dass ich nicht fett werde, denn mir werden fast unablässig Speisen serviert“, lächelte Annette de Tourville und alle lachten pflichtschuldigst.
„Darf ich Euch dann vielleicht mit einigen Fragen belästigen, obgleich mir klar ist, wie sehr Euch die Erinnerung an den fraglichen Tag belasten muss?“, tastete sich Jean-Marc weiter vor.
„Wenn es nötig ist, die Schuldigen zu verurteilen, bin ich gern dazu bereit. Es geht mir wirklich schon wieder recht gut“, versicherte Annette, ganz entgegen den Gepflogenheiten der Zeit, wo Damen bereits mit den leichtesten Malaisen häufig wochenlang und demonstrativ das Krankenlager zu hüten pflegten und dort sogar ihre Besucher empfingen. Aber Annette de Tourville verstieß eben in mehr als einer Hinsicht gegen das, was üblich war.
„Madame, wie genau spielte sich der fragliche Nachmittag und Abend ab dem Moment ab, an dem Ihr Mademoiselle d’Argencourt in den Blauen Salon begleitet habt? An was könnt Ihr Euch erinnern?“, fragte Jean-Marc, nachdem alle noch einmal an ihrem heißen Wein genippt hatten.

„Nun, vielleicht sollte ich schon an einem früheren Zeitpunkt beginnen. Genau gesagt, etwa eine halbe Stunde, bevor Monsieur Legrange bei Catherines Salon, eintraf“, begann Annette de Tourville, und es schien, als habe sie sich das, was sie jetzt erzählte, gründlich überlegt.

„Annette, gleich kommt mein sogenannter Verlobter und ich muss unbedingt allein mit ihm reden. Gibt es in diesem Haus irgendwo ein weiteres Zimmer, wo das diskret vonstatten gehen kann?“, fragte Aurelie und drängte Annette zu dem Canapé vor dem Kamin, das zufällig gerade frei geworden war und mit seiner hohen Rückenlehne eine gewisse Privatsphäre bot.
„Dein Verlobter? Hierher? Aber woher weiß er denn, dass wir hier sind?“, wunderte sich Annette, ließ sich aber recht erleichtert auf dem Sitzmöbel nieder, da ihre neuen Schuhe sie schier umbrachten. Ob sie sie kurz ausziehen und ihre Füße reiben konnte?
„Weil ich es ihm mitgeteilt habe“, antwortete Aurelie, woraufhin Annette ihre schmerzenden Füße vergaß und dem jungen Mädchen einen scharfen Blick zuwarf.
„Du hast was? Aber um Himmels Willen, warum denn das? Seit Wochen geben wir uns Mühe geheimzuhalten, wo du bist und jetzt schreibst du deinem Verlobten?“ Moment, was war das für ein listiges Funkeln in Aurelies Augen? „Was führst du im Schilde?“
„Ich habe die Nase voll von dem Versteckspiel!“, verkündete Aurelie. „Und ich weiß ein paar Dinge über meinen Verlobten Legrange und einen weiteren ach so ehrenwerten Gast dieses Salons, dass er mir ermöglichen wird, meiner trostlosen Lage zu entkommen. Alles was ich brauche ist Geld und das wird mir Legrange mit Sicherheit geben, wenn er weiß, was ich weiß. Und wenn nicht er, dann der andere.“ Ungemein selbstzufrieden wippte Aurelie mit ihren Füßen, die so konfektioniert klein waren, dass sie in jeden Schuh der aktuellen Mode passten.
Annette war für einen Moment sprachlos.
„Du willst ihn erpressen?“, fragte sie ungläubig? „Und wer ist der andere?“
„Erpressen, tss. Ich gebe ihm die Möglichkeit, eine Menge Unannehmlichkeiten zu vermeiden und dann gehen wir beide unserer Wege.“ Die zweite Frage beantwortete sie nicht, sah aber so boshaft drein, dass Annette glaubte, das Mädchen, das seit Wochen unter ihrem Dach logierte, zum ersten Mal zu sehen. Als es im August an ihre Tür geklopft und jämmerlich um Hilfe gebeten hatte, war sie nichts als ein zerbrechliches Kind auf der Flucht vor einem übermächtigen Vater und einem erzwungenen Eheversprechen gewesen – Annette hatte gar nicht anders gekonnt, als sie einzulassen. Und nun, Annette war zu diesem Zeitpunkt schon wieder eine ganze Weile ohne Frau gewesen, es war Sommer, was für Paris Ödnis und Langeweile bedeutete und das Mädchen war wirklich hübsch, gar nicht hohlköpfig und zudem unglaublich neugierig und willig gewesen… . Ach, Catherine hatte wirklich Recht damit gehabt, als sie gespottet hatte, dass Annette sich immer wieder in junge Dinger verliebte, um ihr eigenes Altern ignorieren zu können. Einige Wochen hatten sie wirklich Spaß miteinander gehabt. Annette hatte Aurelie ein Paris gezeigt, in dem Frauen ein selbstständiges Leben führen konnten, wenn sie nur wussten, wie es anzustellen war. Doch als es auf den Herbst zuging, hatte Annette langsam festgestellt, dass Aurelie nicht nur dauerhaften Gefährtin taugte. Sie war zu eindimensional und dabei nie zufrieden mit dem, was sie gerade hatte. Wurden sie zu einer Comtesse eingeladen, nörgelte sie, dass es keine Marquise war. Freute sie sich eben noch über ein Paar Schuhe von Filibert, fiel ihr am nächsten Tag ein, dass welche von Gambino doch gerade viel schicker waren. Gingen sie einmal einen Abend nicht aus, nörgelte Aurelie und wurde unleidlich.
„Wenn du bislang unter der strengen Ordnung meines Vaters hättest leben müssen, wärst du auch völlig ausgehungert nach Leben!“, hatte sie mit Tränen in den Augen, die sie scheinbar nach Belieben hervorspringen lassen konnte, ausgerufen. Wann immer Aurelie von ihrem despotischen Vater erzählte, schmolz Annette dahin, denn Männer dieses Schlages verabscheute sie zutiefst. Aber inzwischen hatte sich eine gewisse Müdigkeit bei ihr eingestellt, auch wenn sie sich das selbst noch nicht eingestand. Aber jetzt, hier in Catherines Salon, erkannte Annette schlagartig, dass sie sich in Aurelie gründlicher getäuscht hatte, als bisher angenommen.
„Du kannst aber nicht einfach hingehen, und Leute erpressen! Was ist es überhaupt, was du gegen deinen Bräutigam in der Hand hast?“
„Das ist für dich ohne Belang. Wichtig ist nur, dass es seine gesamte Existenz vernichten kann, sodass er auf meine vergleichsweise geringe Forderung ganz sicher eingehen wird. Und du kannst dich freuen: Sobald ich das Geld habe, verschwinde ich. Bei dir ist es mir inzwischen zu langweilig. Nach all den Mühen, die es mich gekostet hat, den Fängen meines Vaters zu entkommen, hatte ich mir das Leben bei einer Sappho wahrlich aufregender vorgestellt!“
Annette verschlug es für einen Moment die Sprache. Das war ein schmollendes Kind, das da neben ihr saß, nichts weiter.
„Mühen? Von Mühen kann ja wohl kaum die Rede sein. Du kamst in Paris an und wirst seitdem von mir mit allem versorgt, was du brauchst und weit darüber hinaus. Aber das ist nicht der Punkt! Ich werde einfach nicht dulden…“ hub sie an.
„Was ist der Punkt? Was?“, unterbrach Aurelie sie.
„Mäßige deinen Ton! Du benimmst dich wie ein Kind. Aber vermutlich liegt das daran, dass du noch eines bist. Ich habe mich in dir offensichtlich getäuscht. Bewahre wenigstens Haltung, solange wir hier sind!“, wies sie das Mädchen in unterdrückter Lautstärke zurecht.
„Und ich dachte nicht, dass du eine so fantasielose alte Schrulle sein könntest! Ich hielt dich für fortschrittlich und aufregend!“, schmetterte Aurelie zurück und dachte überhaupt nicht daran, ihren Ton dabei gedämpft zu halten.
„Niedertracht hat rein gar nichts mit Fortschritt zu tun, meine Liebe! Und jemanden zu erpressen, nenne ich niederträchtig. Niemals werde ich dulden…“
„Ich frage dich aber gar nicht danach, ob du das duldest!“, giftete Aurelie.
An dieser Stelle wurden sie unterbrochen, weil Catherine zu ihnen trat. Um Himmels Willen, wieviel mochte sie von diesem unwürdigen Gespräch gehört haben?

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