Skip to content
Menu

Die ehrenwerte Familie Malpart

 Rest „Belohnungen und Strafen

„Im Grunde haben sie das Herz schon am rechten Fleck“, meinte Hugo, als die Kinder aus dem Zimmer waren. Er lehnte sich in seinem gepolsterten Stuhl zurück und seufzte. Von dem nächtlichen Abenteuer taten ihm etliche Körperteile weh und seine Muskeln beklagten sich über die erhebliche Überanstrengung. Trotzdem fühlte er sich irgendwie sehr zufrieden. „Es gehört schon einiges an Mut dazu, ganz allein und mitten in der Nacht loszuziehen, um einen Menschen zu befreien, der ihnen offenbar etwas bedeutet.“ Catherine musterte ihren Gatten.
„Du kannst sie also immer noch beide annehmen, obwohl du weißt, dass ich dich in Constances Fall betrogen habe?“, fragte sie in neutralem Ton. Hugo verzog den Mund zu einem ironischen Grinsen.
„Welchen Unterschied macht es schon? Du hast ohnehin beiden ganz entschieden DEINEN Stempel aufgedrückt. Wir Väter durften nur unser Pflichtteil dazu tun, würde ich mal sagen.“ Er blinzelte träge und gleichzeitig lausbübisch zu ihr herüber. Catherine holte tief Luft, dann stand sie auf, ging zu ihm, legte die Arme um seinen Hals und küsste ihn lange und zärtlich.
„Du bist wirklich ein unglaublich großzügiger Mann, Hugo. Ich verdiene dich nicht, aber ich fürchte, das kann ich nicht ändern. Ebenso wenig wie ich mich ändern kann, schätze ich. Kannst du damit leben?“
„Habe ich eine Wahl? Jedenfalls liegt mir nichts daran, an unserem Leben etwas zu ändern. Ich will nicht behaupten, dass mir deine Seitensprünge gefallen und was Liévre angeht, nun ja, in gewisser Weise kann ich ihn gut leiden, finde aber natürlich trotzdem, dass den verdammten Bastard der Blitz beim, du weißt schon, treffen kann, weil er meine Frau bespringt. Aber vermutlich hat er auch keine Wahl und du führst ihn am Nasenring, oder? Im Grunde sollte er mir Leid tun.“ Hier lachte Hugo kurz. „Wenn ich schon einen Liebhaber bei meiner Frau akzeptieren muss, dann ist er wohl das geringste Übel, zumal er sich nicht in unseren gesellschaftlichen Kreisen bewegt.“ Hugo, der den Kuss zuerst erwidert hatte, schob Catherine nun ein Stückchen von sich fort, so dass sie sich gegenseitig direkt in die Augen sahen. „Bleibt diskret! Das ist das Einzige, was ich verlange. Du bist MEINE Frau und Constance und Elian sind MEINE Kinder und daran dulde ich keinen Zweifel! Die Pariser Gesellschaft akzeptiert amouröse Abenteuer, aber es tut meiner Reputation und somit meinem Geschäft nicht gut, wenn du mich zum Gespött machst, indem du mir mit einem Commissaire de Police öffentlich Hörner aufsetzt! Kannst du mir das versprechen?“
Catherines Gesicht war ernst, doch ihre Augen lächelten warm. „Das verspreche ich dir!“

 Die ehrenwerte Familie Malpart

René Herault de Vaucresson, der Lieutenant Génèral von Paris, lehnte sich in seinem gepolsterten Stuhl zurück und erlaubte sich für einige Minuten eine Pause. Leider war Ulysses nicht da, um ihm diesen speziellen Kaffee zu bereiten: klein, stark und mit einer Haube aus aufgeschlagener Sahne – eine Zubereitungsart, die er dem Wiener Gesandten im letzten Jahr abgeschaut und sofort für sich übernommen hatte. Ulysses verstand sich prächtig darauf. Ach ja, das wäre jetzt ein verdienter Genuss. Aber er hatte seinem Leibdiener heute freigegeben, damit dieser sich um die Angelegenheit mit dem toten Mohren kümmern konnte.
„Wenn ich seiner jungen Verlobten schon nur den Leichnam des Vaters ihres ungeborenen Kindes zurückbringen kann, will ich wenigstens dafür sorgen, dass er ein ordentliches Begräbnis bekommt“, hatte Ulysses gesagt. Natürlich hatte Herault de Vaucresson genickt. Nicht, weil er irgendwelche Gefühle für eine Dirne aus den Marais gehabt hätte. Der Bodensatz der Pariser Gesellschaft war ihm im Grunde herzlich egal, solange er sich friedlich verhielt. Auch nicht, weil die Geschichte von Mohr und Mädchen ein Mosaiksteinchen gewesen war, das die Anklage gegen Lucien de Malpart untermauerte – letztlich hätte man sie gar nicht gebraucht. Nein, Ulysses bekam einfach frei, wenn er darum bat, denn er tat das selten und nur dann, wenn es ihm wichtig war. Und dann bekam er frei – ohne Frage.
René Herault de Vaucresson tippte leise lächelnd mit dem manikürten Zeigefinger auf die Lehne seines komfortablen Stuhls. Er war so zufrieden, weil der bis gestern aussichtsreichste Kandidat für eben diesen Stuhl nun im Chãtelet saß. Selbst wenn es ihm gelang, sich aufgrund seiner einflussreichen Familie dort hinaus zu manövrieren – seine Chancen auf ein höheres Amt waren vertan. Das gestattete doch einen Augenblick der Zufriedenheit, oder?
Natürlich dauerte dieser Zustand nicht lange an. Im Vorzimmer war Rumoren zu hören, eine Stimme erhob sich, während die dezente Gegenantwort seines Sekretärs nur zu erahnen war. Herault de Vaucresson seufzte und erwartete das unvermeidliche: Es klopfte an der Tür und sein Sekretär trat ein.
„Monsieur, da ist der Comte de Malpart und bittet um ein Gespräch“, meldete der Sekretär. Der Comte de Malpart – Inspecteur de Malparts Vater! Na, das war ja schnell gegangen, dass der bei ihm vorstellig wurde. Nun gut! Herault de Vaucresson entschied, diese Angelegenheit sofort hinter sich zu bringen. Er hatte so eine Ahnung, dass der Comte weniger schwungvoll gehen würde, als er kam. Herault de Vaucresson kannte den Mann und war sich sicher, dass gewisse Details an dieser Angelegenheit ihm ganz und gar nicht gefallen würden. Fast tat er ihm Leid – andererseits war der Mann ein Frömmler und Herault de Vaucresson konnte Frömmler nicht ausstehen. Seiner Erfahrung nach taten sie Dinge und behaupteten, Gott würde das wollen. Aber es waren immer nur sie selbst, die das wollten.
„Er soll hereinkommen!“
In gewisser Weise irrte sich Herault de Vaucresson. Der Comte de Malpart verließ das Büro des Lieutenant Général womöglich noch energischer als er es betreten hatte – aber dieses Mal richtete sich sein Zorn auf ein anderes Ziel. Herault de Vaucresson hatte dem Ersuchen des Comte stattgegeben, seinen Sohn unverzüglich im Chãtelet besuchen zu dürfen. Hätte Herault de Vaucresson überhaupt zu solchen Anwandlungen geneigt, hätte er unter Umständen den Hauch eines schlechten Gewissens dabei gehabt. Aber sein Amt erlaubt ihm derlei nicht. Das Problem „Malpart“ war für ihn vom Tisch. Es wurde Zeit, sich wieder wichtigeren Angelegenheiten zuzuwenden. Er rief seinen Sekretär und ließ sich die Tagesagenda vorlegen. „Und treib mir einen Kaffee auf!“

Der gewesene Inspecteur Malpart verfluchte seine verdammten, mörderischen Kopfschmerzen, die ihn dabei behinderten, sich über seine Lage klar zu werden. Er befand sich in einer Zelle des Chãtelet, was schlecht war. Aber es war eine Einzelzelle in den oberen Stockwerken, was gut war. Man tat einer Form Genüge und in ein paar Tagen oder schlimmstenfalls Wochen würde er hier hinausspazieren. Das war schon Personen höchsten Ranges passiert! Dank seiner Beziehungen würde es ihm hier nicht schlecht ergehen. Im Chãtelet konnte man sich praktisch alle Annehmlichkeiten kaufen, sofern man dafür bezahlen konnte. Die Malparts konnten! Und wenn er erst wieder draußen war, dann sollten sich einige Leute gut vorsehen! Vor allem zwei wichtigtuerische, kleingeistige, minderbemittelte, völlig bedeutungslose, beleidigend gewöhnliche, mistfressende, dreimalgottverfluchte Commisaires einer sogenannten Sonderkommission! Malpart hatte ihre Namen von den Wächtern erfragt: Jean-Marc Liévre und Eustache Petit. Allein diese Namen, Hase und Klein, sagten doch schon alles aus: Sie waren Niemande! Dreck unter dem Stiefelabsatz eines Malparts!
„Heda! Wache!“ rief er, so laut sein dröhnender Kopf das zuließ und schon das war viel zu laut. „Ihr müsst mir einen Brief besorgen. Ich brauche Feder, Tinte und Papier! Ich bin Lucien de Malpart, Inspecteur dieses Bezirks! Seid nicht so dumm, es euch mit mir verscherzen zu wollen! Morgen bin ich wieder im Amt und dann erinnere ich mich an jeden, ob im Guten oder im Schlechten, das verspreche ich!“
Malpart grinste ein wenig, als die Tür fast unverzüglich aufgeschlossen wurde. Na also! Sie hatten ihn nicht angekettet und so konnte er sich arrogant aufrichten. Denen würde er schon Beine machen! Doch als er erkannte, wer eintrat, verlor er schlagartig jegliche Großtuerei. Er hatte seinen Bruder kontaktieren wollen, damit der ihm mit Geld, Bestechung und Drohungen hier heraushalf. Mit seinem Bruder verstand er sich gut. Aber stattdessen stand nun sein Vater, Balthazar Comte de Malpart, in seiner Zelle. Beim Anblick dessen Miene bildete sich in Luciens Magen ein nur allzu vertrauter eiskalter Klumpen. Sein Vater wusste es! Seine Augen spien Verachtung, als er seinen mittleren Sohn von oben bis unten musterte wie einen Kadaver, aus dem Maden krochen.
„So dankst du es mir!“ Es war ein heiseres Knurren, das aus dem Mund seines Vaters kam. Man hätte es für einen Laut direkt aus der Hölle halten können, wäre das im Falle seines Vaters nicht absolut undenkbar gewesen. Der Comte de Malpart war religiöser als der Papst in Rom, munkelten manche – wenn auch niemals sehr laut. Er kannte die Bibel besser als Charles Gaspard Guillaume de Vintimille du Luc, der greise Erzbischof von Paris, mit dem er eng vertraut war. Er hatte Mönch werden wollen, musste jedoch Titel und Pflichten eines Comte übernehmen, was er mit großem Pflichtbewusstsein tat. Und genauso erzog er seine drei Söhne, von denen Lucien der mittlere war.
„Ich habe alles getan, um dir diese widernatürlichen und gotteslästerlichen Neigungen auszutreiben! Ich habe weder Geld noch Mühen gescheut, dich von dieser furchtbaren Sünde zu befreien. Und dennoch hast du es wieder getan! Sag mir, was ich versäumt habe, um dich ein für allemal davon zu heilen?“ Sein Vater stand, zufällig oder auch nicht, in dem einzigen Lichtstrahl, der durch ein kleines, hohes vergittertes Fenster in die Zelle fiel und rang die Hände wie ein Prediger auf der Kanzel. Die weiten schwarzen Ärmel seines Justaucorps bildeten gleichsam die Flügel eines Racheengels und es hätte Lucien nicht verwundert, ihn schweben zu sehen.
„Nichts, Vater. Ihr habt wahrlich nichts versäumt, mich davon zu kurieren, wie Ihr es auszudrücken beliebt“, antwortete Lucien mit mehr Bitterkeit, als er je zuvor gewagt hatte. „Ihr habt es mit Schlägen, Fasten, Auspeitschen, Exorzismus, Dunkelhaft, Untertauchen bis ich fast ertrunken bin und Brandeisen versucht. Nein, niemand könnte sagen, dass Ihr irgendwas unterlassen habt, um mich ‚zu kurieren‘. Doch vielleicht gefiel es Gott ja, mich so zu machen, wie er mich machte, habt Ihr daran schon einmal gedacht?“
„WAGE es nicht, den Namen des Herrn derartig lästerlich zu gebrauchen, sonst sorge ich dafür, dass du brennst!“, schrie sein Vater ihn an, so dass Lucien selbst aus dieser Entfernung noch einen Speichelregen abbekam. Der Comte bebte vor Zorn, nein vor Abscheu. „Ich komme gerade vom Lieutenant Général und er hat mir alles erzählt. Er weiß es, seine Untergebenen wissen es und morgen weiß es die ganze Stadt: Mein Sohn hat Unzucht mit einem anderen Mann getrieben! „Du hast den Namen unserer Familie in der schlimmsten aller Weisen besudelt. Ich rede nicht von der Entführung oder den Intrigen oder auch einem toten Flittchen, das sich wider das 4. Gebot versündigt hat. Es war nötig und all das haben Malparts schon immer getan. Es hat uns groß gemacht! Nicht einmal, dass du damit gescheitert bist, könnte unseren Namen in den Dreck ziehen. Aber dass du ein verabscheuenswürdiger Sodomit bist, DAS hat uns entehrt! Mir ekelt vor dir! Du bist ein fauler Apfel, der entfernt werden muss. Dein Name wird aus unserem Stammbaum getilgt werden, ich hatte niemals einen Sohn namens Lucien, es wird dich nie gegeben haben!“ Baltazar de Malpart hatte seine Stimme wieder gesenkt, bis sie zum Schluss fast ein Flüstern war. Jedoch ein Flüstern, das eine ganze Kirche hätte füllen können, und es kroch Lucien unter die Haut und bis ins Mark seiner Knochen. Alte, längst verheilte Striemen auf seinen Schultern schienen wieder in Flammen zu stehen. Er war wieder dreizehn Jahre alt, kniete vor demselben Mann, barg seinen Kopf in dem verzweifelten Versuch, sich zu schützen, während Peitschenhiebe auf Arme, Schultern und Rücken niederklatschten.
„Wenn ein Mann“, klatsch, „bei einem Mann“, klatsch, „liegt, als würde er bei einer Frau,“ klatsch, „liegen, so haben sie beide“, klatsch, „einen Gräuel“, klatsch, „begangen“, klatsch, „und sie sollten unbedingt“, klatsch, „getötet werden“, klatsch, „Ihr Blut“, klatsch, „sei“, klatsch, „auf“, klatsch, „ihnen!“ Klatsch! „Drittes Buch Mose“, klatsch, „Kapitel zwanzig“, klatsch, „Vers dreizehn“, klatsch.
Lucien musste seine Arme mit Gewalt zwingen, sich nicht wieder über seinen Kopf zu legen.
„Wollt Ihr mich erneut auspeitschen, Vater?“, fragte er und es sollte höhnisch klingen. Doch es kam zittrig heraus. Fünfzehn Jahre des erfolgreichen, beharrlichen Aufstiegs in der Welt der Politik, fünfzehn Jahre als selbstbestimmter Mann, fünfzehn Jahre in immer bedeutenderen Führungspositionen hatten nicht ausgereicht, das letztlich nur fünf Jahre andauerndes erniedrigende Grauen während seiner Adoleszenz zu tilgen.
„Nein. Hier gibt es nur noch eins, was zu tun ist“, sagte der Comte de Malpart und plötzlich wirkte er müde und seine Schultern sanken herab, während er in eine Tasche seiner makellosen Weste griff. Er holte eine kleine Phiole daraus hervor, zeigte sie Lucien und ging dann einen Schritt hinüber zu einem Schemel, wo er sie ablegte.
„Wenn die Wächter das nächste Mal hier hineinsehen, finden sie einen Toten, habe ich mich klar ausgedrückt?“
„Auch Selbstmord ist Sünde“, sagte Lucien bitter. Aber sein Vater zuckte mit den Schultern. „Du wirst in der Hölle brennen bis in alle Ewigkeit. Es kommt nicht mehr darauf an“, sagte er düster und hoffnungslos. Dann straffte er sich erneut, hob beide Hände etwas an und deklamierte, als vollzöge er einen Exorzismus: „Ich entsage dir! Ich habe nie einen zweiten Sohn gehabt. Ich entsage dir. Ich entsage dir!“ Damit wandte er sich um, klopfte zweimal an die schwere Tür, und wie von Zauberhand öffnete die sich und ließ ihn hinaus. Mit einem dumpfen Schlag schloss sie sich hinter ihm wieder. Lucien war allein in seiner Zelle und das Licht des Fensters schien auf die kleine Phiole.

Diesen Beitrag teilen und weiterempfehlen