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Dreiecks-Handel

Rive Gauche, 16. Oktober 1737

„Nein, nein, Monsieur, doch nicht dieses furchtbare Wort! Ich bin kein Sklavenhändler. Ich bin ein Vermittler exotischer und ganz und gar exquisiter Gesellschafter, Diener und, Madame mögen mir den Ausdruck verzeihen, Lustbringerinnen. Sklavenhändler!! Mon Dieu, das wäre, als würdet Ihr den Monsieur le Grand als Pferdehändler bezeichnen!“
Monsieur Archambaud sah ernsthaft gekränkt aus. Vermutlich warf er sie nur deshalb nicht hinaus, weil er auf ein Geschäft hoffte.
Sein Ladengeschäft lag am südlichen Seineufer in einer Seitenstraße und warb mit zwei lebensgroßen Puppen für seine Ware: Eine war ein Zwerg, mit einem übertrieben großen Kopf und in der Kleidung eines Jongleurs oder Possenreißers. Die andere war eine zierliche Tänzerin, deren gerade noch so schickliche Kleidung keinen Zweifel darüber ließ, wes Profession sie war.

Mieten oder Kaufen – Archambaud vermittelt jede Begleitung

Das stand auf dem Schild, das groß und deutlich zu Füßen der beiden Puppen stand.
„Nun, dort stehen ‚kaufen‘, also muss es sich doch wohl um Sklaven handeln“, stellte Catherine so ruhig sie konnte fest. Hugo war es nicht gelungen, sie vom Mitkommen abzuhalten, aber sie hatte ihm hoch und heilig versprechen müssen, nicht aus der Haut zu fahren.
„Aber Madame! Sklaven, das sind diese bedauernswerten und primitiven Kreaturen, die man als Arbeitskräfte in die Kolonien bringt und dort zu Tode schindet! Meine Leute hingegen bleiben ganz und gar freiwillig bei mir, weil sie wissen, dass ich ihnen die besten Aussichten biete! Wenn Archambaud einen Menschen auswählt, bietet er ihm Sicherheit, eine Ausbildung und einen Platz, wo man ihn aufgrund seines Preises wertschätzt. Man mag einen billigen Klepper zu Tode schinden, aber niemals ein teures Rassepferd, wenn Ihr versteht, was ich meine!“, erklärte der Händler wichtig und man hörte ihm an, dass er diese Litanei nicht zum ersten Mal hersagte.
„Welche Art von Begleitung habt Ihr denn derzeit in Eurem Sortiment?“, grätschte Hugo in das Gespräch, ehe Catherine einen Streit daraus machen konnte, den sie intellektuell sicher gewinnen, bei der Verfolgung ihrer Ziele aber verlieren würde.
„Oh, ich zeige Euch gern mein Sortimentbuch. An was hattet Ihr denn gedacht? Vielleicht ein exotisches Accessoire für einen der kommenden Bälle?“
Ehe Catherine das Wort ‚Accessoire‘ zurück in das Gesicht des Händlers spucken konnte, nickte Hugo eifrig.
„Ja, ja, das geht in die richtige Richtung. Ganz genau genommen dachten wir an einen Mohren, wie er derzeit wohl in Wien gerade so viel Aufsehen erregt.“
Ein Schatten zog über Archambauds Gesicht.
„Oh das ist zu dumm, Monsieur! Derzeit habe ich keinen im Angebot. Ihr müsst wissen, dass dies eine sehr rare und teure Ware ist, die Paris höchst selten erreicht. Der Dreieckshandel läuft ja von Afrika in die Kolonien und erst dann zurück hierher und wenn da doch mal ein Neger mitkommt, gehört er bereits jemandem, der ihn oder sie höchst selten verkauft.“
„Aber wir gestern eine Dame auf dem Pont Notre-Dame, die ein Mohrenkind dabei hatte. Habt Ihr es vermittelt?“
Jetzt schlich sich ein leicht hämischer Zug auf Archambauds Gesicht.
Ah, das muss die Frau des Bankiers Robillard gewesen sein. Sie führt dieses Kind derzeit überall mit sich, um allen zu zeigen, zu wie viel Geld ihr Gatte jüngst gekommen ist. Wenn sie fortfährt, es in dieser Geschwindigkeit auszugeben, wird er sich nicht allzu lange daran erfreuen. Und nein, ich habe es nicht vermittelt, denn es handelt sich um Betrug und das“, er warf sich in die Brust, „werdet Ihr bei Archambaud nicht finden!“
„Betrug? Inwiefern. Für mich sah der Junge doch sehr echt und nicht einfach angemalt aus“, sagte Catherine irritiert.
„Sagen wir, nachgeschwärzt. Es handelt sich um ein Mischlingskind, das wohl stark nach seinen afrikanischen Vorfahren kommt. Es kommt aus einem Bordell in Bordeaux, wo es wohl etliche schwarze Huren gibt. Wenn ihre Kinder nicht auch dem Gewerbe der Lust zugeführt werden, kommen sie manchmal auf den Markt. An und für sich wäre ja nichts dagegen zu sagen, aber ganz offensichtlich hat man den Robillards ein Märchen über Saba und dergleichen aufgetischt. Da niemand weiß, wo das liegt, klingt es natürlich gut. Aber der Junge hätte natürlich nicht einmal halb so viel kosten dürfen mit dieser Herkunft!“
„Ich verstehe. Was würdet Ihr denn sagen, wie viele reinrassige Mohren es in Paris gibt?“, fragte Hugo mit der Miene eines nüchternen Geschäftsmannes weiter.
„Oh, kaum ein Dutzend, würde ich denken. Wenn es so viele sind. Der bekannteste ist natürlich Ulysses, der Leibdiener des Lieutenant Géneràl. Dann dürfte es in den Bordellen auch ein oder zwei schwarze Huren geben und vielleicht noch eine Handvoll geflohener Sklaven, die es irgendwie geschafft haben, in Paris unterzutauchen. Aber ich erwäge wirklich, in dieses Geschäft zu investieren, da die Nachfrage stark gestiegen ist, seit dieser Soliman in Wien so von sich reden macht. Ich habe bereits einen Agenten in Übersee damit beauftragt. Also wenn Ihr wollt, kann ich Euch ein Exemplar reservieren, wenn ich eins reinbekomme.“ Archambaud hob fragend eine Augenbraue.
„Ich glaube, mir wird gerade ein wenig schlecht“, murmelte Catherine, die drauf und dran war, dem Händler ins Gesicht zu schlagen. War ihm nicht klar, dass er von Menschen, von Kindern redete?
„Dann warte doch eben draußen, Liebes. Ich regele das hier mit Monsieur Archambaud“, sagte Hugo liebenswürdig, bot ihr den Arm und geleitete sie zur Tür.

„Der Lieutenant Géneràl hat einen schwarzen Leibdiener! Wusstest du das?“, fragte Catherine, als sie später auf dem Heimweg waren. Gerade klapperte der Einspänner am Seineufer entlang. Der kalte Wind von gestern hatte sich noch verschärft und es war mehr als ungemütlich im Freien. Alle Menschen hatten sich Schals und Kopftücher tief in die Gesichter gezogen, wer einen Mantel hatte, schloss ihn eng um sich und wer keinen hatte sah zu, dass er mit dem, was er zu erledigen hatte rasch fertig wurde. Fliegende Händler, die heißen Cidre, gebrannte Maronen und kochenden Eintopf verkauften, machten gute Geschäfte und auch die Holzhändler verkauften aus ihren Kiepen oder von den Karren herunter das Brennholz in rasender Geschwindigkeit. Alles roch nach einem frühen Winter.
„Ich hörte schon einmal davon, aber ich hätte es jetzt nicht im Kopf gehabt. Da muss aber doch dein Commissaire Liévre etwas drüber wissen.“ Hugo lenkte den Braunen um einen kleinen Aufruhr herum, wo ein umgefallener Holzkarren seine Ladung auf die Straße ergossen hatte, und der bedauernswerte Händler nun zusehen musste, seine Ware vor diebischen Fingern zu schützen und gleichzeitig den Schaden zu beheben.
„Wieso mein Commisaire? Du benutzt diesen Ausdruck in letzter Zeit ein wenig zu häufig“, entgegnete Catherine heftiger, als sie beabsichtigt hatte. Hugo sah von der Seite zu ihr.
„Ich weiß es, Catherine. Schon seit Jahren. Du triffst ihn regelmäßig. Er ist dein Liebhaber, nicht wahr?“, sagte er vollkommen neutral. Aber Catherine traf diese Aussage wie ein Faustschlag. Jetzt, hier, mitten im Verkehr, völlig beiläufig? Ernsthaft? Hugo schwieg einfach und ließ sie diese Information verdauen. Ah, der immer perfekte Hugo! So beherrscht, so wohlerzogen, so très gentil! Nach einer ganzen Weile atmete Catherine tief durch.
„Für was soll ich mich zuerst entschuldigen: Für meine Untreue oder dafür, dass ich annahm, du würdest es nicht merken?“, fragte sie dann und riss sich schwer zusammen. Alles in ihr schrie, dass es jetzt einen Streit geben MUSSTE. Ihre Frage entlockte Hugo ein kurzes Lachen.
„Wenn du mich so fragst, eher für zweiteres.“
„Und woher weißt du es? Hast du mir einen Spitzel an die Fersen geheftet?“ Schnell wie ein Vipernbiss kam diese Frage. Catherine hätte sie gern zurückgeholt, wenn sie gekonnt hätte.
„Angriff ist die beste Verteidigung, hm?“ Jetzt klang Hugo sarkastisch, was bei ihm nur ganz selten vorkam und ein eindeutiger Hinweis darauf war, dass er nun verärgert war. „Habe ich dir in den letzten 7 Jahren je etwas anderes als Vertrauen entgegengebracht? Dir nicht alle Freiheiten gelassen? Constance wie mein eigenes Kind angenommen, obwohl sie das vermutlich nicht ist? Und zum Lohn hältst du mich für dumm, naiv und plump. Besten Dank auch!“
Es brauchte eine ganze Menge, um Hugo zornig zu machen, aber offensichtlich hatte Catherine das jetzt gerade erreicht. Weil sie es wollte. Und gleichzeitig wollte sie es überhaupt nicht. Aber leider war es ihr nicht gegeben, sich in solch einer Situation zu entschuldigen.
„Als du mir damals den Heiratsantrag gemacht hast, war völlig klar, dass wir beide ein Geschäft eingehen! Du hattest erkannt, dass ich mich nicht würde entschließen können, dich zu heiraten. Mich mit dem Antrag ritterlich vor Etienne zu retten war perfekt für dich und ja, half mir sehr. Und“, für einen Moment kämpfte sich ihre Fairness an die Oberfläche und verschaffte sich mit Gewalt eine Stimme, „es HAT mir sehr geholfen. Und ja, du hast dich seither nie anders als ein perfekter Gentilhomme verhalten. Aber“, und damit brachte die Seite, die jetzt unbedingt streiten musste, die andere wieder zum Schweigen, „ich habe dir nie vorgemacht, dass du die Liebe meines Lebens wärst. Einfach weil ich sowas nicht haben kann. Ich bin einfach so. Ich kann wohl niemanden wirklich lieben, scheint mir. Ich liebe auch Jean-Marc übrigens nicht.“ Hier brach sie ab. Ihr eigenes Echo widerte sie gerade an und schnitt ihr das Wort ab.
Eine Weile schwiegen sie beide.
„Ja, das ist wohl so. Denn jemanden zu lieben würde bedeuten, die Kontrolle zu verlieren. Und das ist für Catherine de Falabraque undenkbar, nicht wahr?“, sagte Hugo dann mit erzwungener Ruhe. „Hier!“ Mit einer ruckartigen Bewegung drückte er ihr die Leinen in die Hand, so plötzlich, dass sie sie reflexartig übernahm. „Ich bin sicher, du kannst selbst nach Hause kutschieren. Du bist eine Falabraque. Ich brauche jetzt ein bisschen Bewegung!“ Und damit sprang er von der langsam dahinrollenden Kalesche, natürlich nicht, ohne sich zuvor umzusehen, ob es auch passte.
‚Warte!‘, hätte Catherine rufen müssen. ‚Es tut mir leid‘, wäre das Richtige gewesen.
„Oh das ist ja jetzt wieder sehr mutig, mich erst mit dieser Sache vor den Kopf zu stoßen, und dich dann aus der Affäre zu ziehen“, war das, was sie wirklich rief.
„Mit dem Wort ‚Affäre‘ wäre ich grad mal sehr vorsichtig!“, versetzte Hugo nun doch bissig, da Kutsche und Fußgänger noch gleichauf waren.
„Ach, du willst mir doch nicht erzählen, dass du in all den Jahren keine andere gehabt hast. Je eine in Bordeaux, Honfleur und Marseilles, nehme ich an, ja?“ Oh Himmel, es konnte doch nicht sein, dass sie in solche Plattitüden abrutschte! Das bekam sie doch wohl intellektueller hin? Aber gerade wohl nicht. Hugo hatte ganz Recht, dass er ihr darauf keine Replik gönnte. Unvermittelt bremste er seinen Lauf ab, sodass die Kutsche an ihm vorbeizog, wechselte hinter dem Gefährt die Fahrbahn und verschwand im Grau des ruppigen Tages in der wimmelnden Menge von Paris. Catherine straffte sich. „Na großartig!“, murmelte sie. Dann ließ sie die Leine schnalzen und brachte den Braunen in Trab. Es war Zeit, nachhause zu kommen. Und sie musste mit Jean-Marc über diesen schwarzen Leibdiener des Lieutenant Géneràl reden. Und vorher war es an der Zeit, das Kindermädchen hinauszuwerfen. Ihr war gerade danach.

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